Getrennt. Vorbei für immer und ewig. Aber wann ist das passiert? Wann wurde getrennt und warum?
Das warum ist fast noch schlimmer, als das getrennt sein. Mit klarem Blick und Verstand kann man sich alles erklären, aber was ist mit dem Herzen? Das einfach nicht verstehen will. Was am schlimmsten ist, ist die Hoffnung, dass er wieder zurück kommt. Vor dir steht. Dich anschaut und dich bittet ihn wieder zurück zu nehmen. Das es ein großer Fehler war und dass es nichts mit Dir zu tun hatte. Dass ihm alles zu viel wurde und er das Einfachste ausradiert hat. Oder es auszuradieren versuchte, denn der Abdruck des Stiftes ist immer noch zu sehen. Zu sehen ist, was er aufgegeben hat.
Das ist eine Geschichte von einem gebrochenen Herzen. Von meinem gebrochenen Herzen.
Wie bei den meisten fing alles ganz groß an. Ja, ganz groß war meine Abscheu vor dem der vor mir stand (groß die Abscheu, klein der Mann) und sich mich ausgesucht hat. Ich wollte ihn nicht. Ich wollte meine Ruhe in der Welt die ich mir geschaffen hatte. Eine gute Welt. Natürlich mit Problemen, natürlich mit dem Wunsch der Zweisamkeit, aber als er dann vor mir stand und mich kennenlernen wollte, da hat mich die Angst gepackt. Von hinten.
Nö ich will nicht. Ich will dich nicht kennen lernen und vor allen Dingen will ich keinen an mich ran lassen, der vorgibt mich wirklich kennenlernen zu wollen.
Und da fing es schon an. Mein Misstrauen, das mich die Zeit über begleiten sollte. Aber der kleine Mann ganz groß in seiner Hartnäckigkeit.
Seine Beharrlichkeit hat mich verwundert. Aus dem Konzept gebracht. Aber keine Panik alles noch nicht so schlimm, alles noch nicht so gefährlich.
Die Zeit verging. Er immer am Ball. Wenn er nur später auch ein so engagierter Spieler gewesen wäre. Oft war ich dann alleine auf dem Spielfeld. Hab Kopfbälle gehalten, Tore geschossen und Gegenspieler verunsichert. Nur wo war er? Ah, am Spielfeldrand. Kein Problem, er winkt mir zu. Zeigt auf die Sonne und lächelt.
Alles gut, ich spiele weiter.Er lächelt.
Bis ich dann verletzt auf der Bank saß und ihn bat, bitte für mich, oder besser gesagt für uns weiter zu spielen. Teamwork, oder?
Ich glaube, er hat es auch versucht. Er hat versucht sein bestes zu geben. Ich glaube, es war ihm nur nicht so ganz klar für was? Er saß einfach lieber auf der Bank. Auch gerne mal neben mir. Aber auf dem Spielfeld? In welche Richtung ging es nochmal? Wo soll ich denn hinlaufen? Wo ist das Tor? Natürlich hab ich, fleißig wie ich bin ihm kleine Täfelchen vom Rand hoch gehalten. Hier! Hier! Siehst Du? Nein, nicht die andere Richtung! Da vorne ist das Tor! Sag mal bist du blind? Kann doch nicht sein. Ist mir ja noch garnicht aufgefallen. Oder hast Du es mir einfach nicht gesagt, oder weißt du es am Ende selber nicht?
Na egal, Tore müssen geschossen werden. Lass mich mal ich mach das schon.
Und dann war er weg. Das Trikot war nicht mal ein bisschen verschwitzt. Meines zerrissen und verdreckt. Er lächelte.
Ich hätte es ahnen müssen, dass er blind ist und es nicht weiß. Ich hätte von Anfang an sagen müssen, dass ich nicht alleine spielen möchte, weil alleine spielen einfach doof ist.
Hab ich nicht, oder hat er es einfach nicht gehört?
Wenn ich nur wüßte wann es angefangen hat.
Das erste Mal ihn wirklich "gesehen" war nach dem Morgen, als er mich bat von mir zu erzählen. Als er mich einlud, die andere Seite der Medaille zu zeigen.
Ich war angekommen, für einen kurzen Moment. Und er schon auf der Flucht.
Oder war ich auf der Flucht? Na auf jeden Fall war er nicht angekommen. Da bin ich mir eigentlich ganz sicher, denn wo hätte er denn ankommen sollen, als Blinder ohne Stock und ohne Binde. Blöd nur, dass ich es nicht bemerkt hatte. War ich zu eitel? War am Ende, und das wäre wirklich unsagbar, war ich am Ende auch noch blind, und ich selbst hätte es auch nicht bemerkt?
Kann doch nicht sein. Aber warum hab ich mich denn dann überall angehauen, warum bin ich manchen Steinen nicht einfach aus dem Weg gegangen? Er hatte mir nicht so viele Steine vor die Füße geworfen über die ich gefallen bin. Waren es vielleicht meine eigenen kleinen und mit der Zeit immer größer werdenden Hindernisse, die mich immer wieder fallen und straucheln ließen? Er hat mir immer wieder aufgeholfen. Als Blinder, und im Laufe der Zeit war ich mir dann ziemlich sicher dass er blind sein musste, immer etwas unbeholfen.
Ich streckte ihm die Hand entgegen, er zog mich an den Haaren hoch, ich dann wütent weil er mich verletzt hatte, er sauer, weil er mir doch aufhelfen wollte. Ich glaube er fiel auch immer wieder hin, einige wenige Mal hatte ich es bemerkt. Ich wollte ihn auch aufhelfen. Teamwork, oder? Aber er hat meine Hand leider nicht gefunden und für mich waren seine Haare leider zu kurz, ich rutschte immer wieder ab. Zurück er am Boden, traurig. Sie konnte mir nicht aufhelfen. Zurück ich über ihm, frustriert, warum hat er meine Hand nicht gefunden? Und warum in Gottes (auch wenn der hier jetzt nichts verloren hat) aber warum in Gottes Namen hat er so kurze Haare?
Er ließ die Haare wachsen.
Immer öfter konnte ich ihn daran hoch ziehen, aber weh tat es ihm immer. Mir auch, ich streckte ihm immer bevor ich die Haare nahm, die Hand entgegen, im Laufe der Zeit auch beide Hände. Aber er hat sie nie gefunden. Klar, wie sollen zwei Blinde auch einander finden. Und wo wollen zwei Blinde eigentlich gemeinsam hin?
Ins Licht.
Immer nur ins Licht. Denn da ist alles gut. Da hält man sich bereits schon vor dem Fall an den Händen. Da rollt man die eigenen oder die Steine des anderen gemeinsam aus dem Weg.
Ja da wollten beide hin. Beide auf unterschiedlichen Weisen. Beide etwas tollpatschig und beide mit letzter Kraft.
Das Licht ist aus, wir gehen nach Haus. Hä? Aber ich hab doch gerade meine beiden Hände noch ausgestreckt. Keine Ahnung in welche Richtung... doch schon eine Ahnung.
Ins Licht.
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