Mittwoch, 17. Dezember 2014
Susi und das Jagdfieber
"Willst was gelten, mach dich selten!"
Diesen Spruch habe ich heute von einer Freundin gehört. Er bezog sich darauf, dass eine Frau für ihren Mann nicht immer verfügbar sein sollte.
Wie in bekannten Beziehungsratgebern, Zeitschriften und Frauenmagazinen immer wieder gepredigt wird, möchte sich der Mann als Jäger fühlen
und seine Auserwählte, sein Opfer jagen so lange es geht. Dadurch soll das Interesse und Verlangen der männlichen Seite auf die Weiblichkeit erhöht oder wenn nötig, reaktiviert werden.
Für mich persönlich hört sich das sehr anstrengend an. Was soll denn diese PSYDO - RAR - MACHEREI bringen ???
Der Jäger jagt das Opfer bis einer von beiden erschöpft zusammenbricht. Und je nach dem wie lange Frau sich rar macht, dauert die Jagd.
Na, da kann man sich auf jeden Fall das Fitnesscenter sparen.
Wenn Frau sich also rar macht, wie lange sollte das dauern? Und wie genau macht Frau sich rar? Indem sie sagt, dass sie keine Zeit hat, obwohl das nicht stimmt? Indem sie sich den Kalender mit irgendwelchen wahnsinnig wichtigen Termin vollpackt, damit kein Platz für ein Date mehr ist? Das finde ich mehr als merkwürdig, aber unser Geschlecht macht ja bei Zeiten durchaus sehr merkwürdige Dinge um "im Geschäft" zu bleiben.
Aber kann es wirklich richtig sein, einen schönen Abend mit dem anderen zu versäumen, nur damit Frau interessant bleibt? Bin ich denn nicht sowieso nicht immer verfügbar, wenn ich mit beiden Beinen im
Leben stehe und meinen Weg gehe?
Und ganz ehrlich, möchte ich in einer Beziehung oder auch schon innerhalb von dem was zu einer Beziehung führt wirklich ein Opfer sein?
Nein. Auf keinen Fall. Ich für meinen Teil verteidige meine Selbstständig- und Unabhängikeit (und manchmal wenn es sein muss, setze ich auch meine Fäuste dafür ein), wo es nur geht. Opfer sein ist nicht mein Ding. Wobei das nicht alle meiner Art so sehen. Leider.
Erst neulich saß ich in einer sehr lustigen Frauenrunde. Neben allerlei Nippes kamen natürlich auch immer wieder die Männer auf den Tisch. Also nicht wortwörtlich, obwohl ich gegen einen jungen, schönen, muskulösen Stripper auf dem Tisch nichts einzuwenden gehabt hätte. Aber das wird Thema für einen anderen Block sein. :-) Mir gegenüber saß eine sehr attraktive, intelligente, im Beruf erfolgreiche Mittvierzigerin. Die Frau wirkte so selbstsicher auf mich, dass ich, was sie später von sich gab, erst garnicht glauben konnte. "Also ich lebe seit einigen Jahren mit einem Mann in einer Beziehung. Obwohl ich eigentlich nicht sicher bin, ob es nun wirklich eine Beziehung ist." Die Freundin neben ihr warf darauf (schon leicht beschwippst) ein "Na, wenns ne Affäre ist, dann hoffentlich mit nem Jüngeren!" Alle lachten, bis auf die Frau mir gegenüber. "Nein eine Affäre ist es nicht. Denn eine Affäre würde sich ja durch den gemeinsamen Sex auszeichnen und der ist bei uns nicht so wichtig. Uns verbindet eine tiefe Freundschaft." Auf einen Schlag wurde es ganz still am Tisch. Es lag nicht daran was sie sagte, sondern wie sie es sagte. Diese Frau, ich nenne sie jetzt einfach mal Susi berichtete, dass sie mit einem Mann seit mehren Jahren zusammen sei. Man sehe sich hauptsächlich an den Wochenenden, da er unter der Woche zuviel STress hätte. Was sie natürlich verstehe, als berufstätige Frau schätze sie ja auch ihr Privatleben unter der Woche (welches, wie sie nach ein paar Gläsern Wein später erklärte, neben einkaufen, Yoga, Theater etc. daraus bestand, auf seine Anrufe zu warten.) Mal könne er ihre Anwesenheit besser ertragen, mal schlechter. Er habe da halt so ein Näheproblem, was vielleicht mit seiner KIndheit was zu tun habe. Sie möchte ihn natürlich auf keinen Fall unter Druck setzen, würde sich aber nach immerhin vier Jahren des Zusammenseins wünschen, dass Mann ich mal über den nächsten Schritt, was heissen soll, ein gemeinsames Heim, Gedanken macht. Aber jedes Mal wenn sie damit anfängt würde er sich eingeengt und in die Ecke gedrängt fühlen.
Klar als kleiner Stubenhocker möchte man(n) nicht aus seiner Ecke raus, fährt es mir spontan durch den Kopf, halte mich aber dezent zurück, denn das hier ist nicht meine Geschichte, sondern Susis.
Sicher gab es auch bereits die eine oder andere Trennung, die eine oder andere "frische Brise", die er benötigte um sein leeres Inneres zu füllen, aber er kam jedes Mal zurück. Mal dauerte es länger, mal kürzer. Auf die Frage warum Susi das alles so lange mitmache, sagte sie (und ich muss gestehen, ich hatte Angst vor der Antwort, weil ich wusste was jetzt kommen würde)"Weil ich ihn liebe."
Alle Fraun am Tisch (mit mir 8) sahen Susi fassungslos an. Ich glaube es hat sich auch jede das Gleiche gedacht. Kann es wirklich sein, dass Liebe so blind macht? Kann es sein, dass eine so intelligente Frau wie Susi nicht merkt was hier gespielt wird? Ist Susis Angst vorm alleine sein tatsächlich so groß, dass sie sich mit einer derartigen Zecke einlässt? Ich benutze das Wort Zecke hier ganz bewusst. Menschliche Zecken, sind Seelenräuber, sie saugen ihr Gegenüber solange aus, bis nichts mehr da ist. Dann werfen sie es weg wie eine heiße Kartoffel, nicht ohne ihnen davor noch das Gefühl der Unzulänglichkeit zu geben, und suchen sich ihr nächstes Opfer. Ok, wir haben uns sicher alle schon mal zum Liebestrottel gemacht. Wir haben uns sicher alle schon mal an der Liebeswand den Kopf angehauen, aber so? Ich merke wie die Wut in mir hochsteigt. Wie kann sich eine von meinem Geschlecht nur "wissentlich" so behandelt lassen? Wie kann sie ihre Zeit (vier Jahre!) mit so einem beziehungsgestörten, untreuen und unehrlichen Trottel verbringen? Mein Gott, soviel Geld kann der doch sicher nicht haben um sich da rauszukaufen? (bei diesem Gedanken ist mein Pragmatismus gerade durchgeschlagen, sorry.)
Susi berichtete weiter: "Ich bin natürlich regelmäßig bei meiner Therapeutin um meinen Teil der Beziehung auf die Reihe zu bekommen, was heißen soll, ich möchte an den Eigenschaften arbeiten mit denen mein Partner nicht zurecht kommt. Meine Eifersucht, mein Verlangen nach mehr, an meiner Traurigkeit." Betroffenes Nicken der Anwesenden. Der eine oder andere Zuspruch und dann von meiner Nachbarin die Frage, welche sich wohl am Tisch keine fragen traute: "Macht er denn eigentlich auch eine Therapie, oder nur Du?" Und nun Susis Antwort. Ganz ehrlich, wenn ich nicht selbst dabei gewesen wäre, ich würde es nicht glauben. "Nein, er braucht das nicht. Bei ihm ist ja alles in Ordnung. Natürlich hat er ein Näheproblem, was aber nur so stark ist, weil ich ihn so bedränge." Ich merke wie mir die Galle aufsteigt, und bevor mir der Arsch platzt (verzeihung für diesen Ausdruck, aber hier ist er mehr als richtig am Platz), stehe ich auf und gehe erst mal eine rauchen. Wow! Was ist da wohl falsch gelaufen? Was muss mit einer Frau wie Susi passiert sein, dass sie sich derart erniedrigt und es anscheinend noch nicht mal merkt. Wobei ich schon glaube, dass sie es merkt, sonst wäre sie nicht immer so traurig. Aber wahr will sie es nicht haben. Denn das hätte eine Veränderung zur KOnsiquenz. Und davor hat sie Angst. Angst davor als Mittvierzigerin ohne Mann dazustehen.
Als ich vom rauchen zurück komme, ist die attraktive, schöne Mittvierzigerin Susi weg. Er hatte ihr eine Sms geschrieben, dass er sie gerne sehen möchte. Und Susi sprang auf, zahlte und ging. Seit diesen Abend muss ich immer wieder an Susi denken. Ihre Geschichte hat mich sehr wütend gemacht. Ihre Geschichte hat mich sehr berührt. Denn bei aller gelebter und gewollter Unabhängikeit war auch ich in meinem Leben öfter blind als es mir lieb ist. Nicht in dieser Größenordnung aber trotzdem ich war blind für mein vermeintlich ehrliches Gegenüber. Blind was die kleinen trügerischen Details betrifft. Nicht schnell hartnäckig genug was die Wahrheit angeht. Ob nun in Freundschaften oder Liebesbeziehungen.
Eine "Susi" steckt wohl in jeder von uns. Fragt sich nur wieviel Raum wir ihr geben. Fragt sich nur wie gut wir auf sie aufpassen. Wie gut wir auf uns selbst aufpassen. Natürlich ist niemand vor einem unehrlichen Gegenüber geschützt. Aber bei allem Vertrauen, welches wir dem anderen geben, ist das Vertrauen in uns selbst, tausendmal wichtiger. Und so groß das Jagdfieber auch sein mag, ist es doch immer gut zu wissen, dass ich es selbst in der Hand habe, ob ich Opfer bin oder nicht.
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